Matthäus Bär

Journal #1: Kreative Arbeit und das Leistungsprinzip

Die Journale erscheinen monatlich und sind ein Übergriff  für Essays, Kommentare, Erzählungen und Beobachtungen von persönlichen und/oder weltbewegenden Begebenheiten. Journal #1 beschäftigt sich mit kreativer Arbeit und den Prinzipien der Leistungsgesellschaft.


Kreative Arbeit und das Leistungsprinzip

 

Gleich vorneweg, das hier ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Sicherlich gibt es zahlreiche schlaue Bücher und Empfehlungen von kompetenten Forscher:innen zu dem Thema, ich möchte hier aber vielmehr meinen persönlichen Zugang dazu festhalten. Und mein Verhältnis zu kreativer Arbeit ist: schwierig. Ich hab mich allerdings nunmal für einen kreativen Beruf entschieden und muss daher tagtäglich an meinem Verhältnis zu kreativer Arbeit… nun ja, arbeitenUnd das versuch ich jetzt. Schichtbeginn quasi.

Zum einen liegt das an der Begrifflichkeit an sich. Dank Neoliberalismus und Folge meiner Sozialisation hat Arbeit immer automatisch einen unangenehmen Touch – Arbeit muss ein bisschen weh tun, Arbeit macht per se wenig Freude, sie muss vormittags passieren und Arbeit muss etwas hervorbringen. Etwas Herzeigbares, wie ein Produkt, ein Werkstück, eine abgearbeitete Liste, einen fertigen Text oder glückliche Kund:innen. Und erst dann – wenn die Arbeit getan und eine konkrete Leistung erbracht wurde – dann erst darfst du dich belohnen. In Form von Tätigkeiten, die kein konkretes Erzeugnis hervorbringen, die keinen weiteren Zweck erfüllen, außer dir zu gefallen. Etwas Kreatives zum Beispiel. Und genau das macht einen kleinen Knopf in meinem Kopf.Ganz selbstverständlich verbinde ich „Arbeit“ mit etwas Leidvollen, mit Schwere und Mühsal, während „kreativ“ Freude, Lust und Leichtigkeit impliziert. Leiden und Spaß gleichzeitig? Wie kann das zusammengehen? Eben, schwierig, und nur mit viel schlechtem Gewissen.

 


 

Im Sinne der Leistungsgesellschaft startest du deinen Tag mit einer Bringschuld. Im Moment des Augenaufschlagens bist du im Minus. Im Leistungsdefizit. Tagtäglich musst du erst beweisen, dass du ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft bist. Und wertvoll bist du nur, wenn du fleißig, brav und produktiv bist. Am Besten schaffst du tagsüber auch etwas von Wert und je meßbarer dieser Wert ist, desto wertvoller bist du selbst. Nur sein allein reicht nicht. Weil wenn du – so der vermittelte Duktus – nichts aktiv und deutlich sichtbar einbringst in die Gesellschaft, du für diese wertlos bist. Und alles was wertlos ist, ist überflüssig. Du musst dir deinen Platz erst erarbeiten und verdienen (wenn du ihn nicht vererbst bekommst). Tust du das nicht, bist du faul, schmarotzerhaft und sogar egoistisch.  Während andere hart arbeiten und ihren Beitrag leisten, hoffst du, dass die soziale Hängematte dich über Wasser hält – so die oft transportierte und selten offen ausgesprochene Argumentation. Da spielt auch die christliche Heilsversprechung mit rein, die in den Hinterköpfen spukt: Du musst erst ordentlich leiden, dich und deine To-Do-Listen abarbeiten, damit du aufsteigen kannst, ins himmlische Reich, in höhere Schichten und bessere Klassen, wo dich Liebe und Anerkennung erwarten. Andernfalls, wenn du nicht leidest, und nicht brav bist, darfst du auch nicht mitspielen. Dann hast du’s dir eben nicht verdient, im Klub der Rechtschaffenen, der Folgsamen, der Guten dabei zu sein. Deutlich gesagt:

 

“Wenn du nichts leistet, bist du nichts wert.”

 

In Gegenposition dazu steht das Kreative, das Lustige, das Leichte, das Spielerische. Spielen evoziert Vergnügen, erzeugt Spaß, verfolgt keinen höheren Zweck, und steht nur für die dadurch erfahrbare Freude allein. “Zerstreue dich”, wird Menschen gesagt, die gar zu verkrampft, zu festgefahren, zu geordnet wirken. Spiele, um dich zu zerstreuen, um dich in Unordnung zu bringen! Das bringt Leichtigkeit und Luft. Aber das Zerstreute ist nicht greifbar, es entzieht sich der Ordnung. Und Unordnung ist Chaos. Chaos ist im Sinne des Machterhalts nie gut. Die Mächtigen fürchten die Unordnung, weil sie nicht kontrollierbar ist. So gesehen ist Spiel und Spaß natürlich eine ernstzunehmende Bedrohung für das Prinzip Leistung. Wenn du nichts Greifbares herstellst, sondern nur Spaß hast, pfeifst du ja auf das Versprechen, dass das brave Leiden und Durchhalten im Endeffekt belohnt wird. Wenn du dann auch noch deine Arbeit gerne machst, und eventuell sogar Freude daran hast, ist das fast eine Unverschämtheit. Falls kein Schamgefühl, solltest du zumindest ein schlechtes Gewissen haben.

 

Bär bei der kreativen Arbeit: Leistung oder nur Spiel?

Um Missverständnissen vorzubeugen, selbstverständlich IST kreatives Arbeiten auch Arbeit. Viel sogar. Und meistens kaum, schlecht oder gar nicht bezahlt. Darum schreib ich bei meinen eigenen Projekten auch keine Stunden mit, das wär wohl zu ernüchternd. Es soll hier aber gar nicht um die monetäre Bewertung von kreativer Arbeit gehen. Mir geht es vielmehr um die ideelle Bewertung, wie oben besprochen. Da beißt sich die Katze meiner Meinung nach noch immer in den Schwanz. Um ein Beispiel zu bringen, und um es auch für mich einmal aufzuschreiben, folgende Tätigkeiten hab ich für das “Best Of Bär” Album ausgeführt:

 

  • Texte schreiben
  • Musik schreiben
  • Demos aufnehmen
  • Arrangements konzipieren
  • Pre-Production
  • Crowdfunding-Kampagne und Budget aufstellen
  • Studiotermine koordinieren
  • Musiker:innen betreuen
  • Notationen korrigieren
  • Recorden, Einspielen, Singen
  • Mixes und Masterings freigeben
  • Fotografen organiseren
  • Pressefotos machen
  • Pressetexte schreiben
  • Grafik besprechen
  • Cover festlegen
  • Logos mit Illustratorin konzipieren
  • Video konzipieren, drehen, schneiden und graden
  • T-Shirts drucken
  • Kartonhüllen drucken lassen
  • 100 Sammelboxen zusammen kleben
  • Presswerk für Vinyl akkordieren
  • Presswerk für CD akkordieren
  • Album beim Vertrieb melden
  • CDs in den Handel schicken
  • Release-Show fixieren
  • Plakate gestalten
  • Plakate drucken und hängen lassen
  • Promotion, Bemusterung, Pressekontakte persönlich bespielen
  • Interviews geben
  • Website updaten
  • Social Media betreuen
  • Proben und Auftreten
  • Rechnungen begleichen und legen, usw…

 

Das ist ja schon ein Haufen…..Arbeit. Ohne Zweifel. Fast zwei Jahre Arbeit. Natürlich sind das mitunter organisatorische Tätigkeiten, aber erstens sind die notwendig, um meine „künstlerische Vision“ umzusetzen und zweitens ist das einfach Part-Of-The-Game im zeitgenössischen Unterhaltungs- und Musikbusiness. Und trotzdem fang ich regelmäßig zu stottern an, wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mach. “Äh, Autor, Musiker…was Kreatives.” Als würden mir diese ganzen oben angeführten Tasks nicht die Berechtigung geben, das von mir zu behaupten. Irgendwie schäm ich mich dann fast. Vielleicht weil ich mir die Freiheit nehme, in diese Unordnung, in dieses Chaos einzutauchen, ohne einen direkt meßbaren, konkreten Gegenwert dafür zu erhalten?

Meine Steuerberatung erhält für jedes Email, das sie mir schreibt 80€. Das ist so vertraglich festgeschrieben. Eine Leistung wird entsprechend belohnt. Ich weiß leider nicht, welchen realen Gegenwert mein viertes Mail an die Radiojournalistin hat, die eine Albumvorstellung in Aussicht gestellt hat. Was das ganze oben erwähnte Album einbringt, ist auch im Nachhinein nur schwer feststellbar. Klar, die Produktionskosten sollten abgedeckt, die involvierten Musiker:innen bezahlt werden, aber alles darüber hinaus wird schon schwammig und unkonkret. Natürlich bringt eine Veröffentlichung (neben den überschaubaren direkten Tonträger-Verkäufen) eine gewisse Umwegsrentabilität mit sich. Durch den Release kann ich Auftritte und Gagen lukrieren, das Pressefeedback steigert den Marktwert und gleichzeitig die Reichweite und so ergeben sich eventuell Preise oder Stipendien, die wiederum die Arbeit an der nächsten Veröffentlichung ermöglichen. Aber das sind alles kaum kalkulierbare und relativ abstrakte Kriterien, die schwer in relativen Zahlen meßbar sind.

Nun verdiene ich mein Geld (größtenteils) mit kreativer Arbeit. Das heißt, ich hab eine Idee, ein Gefühl, ein Vorhaben, dass ich irgendwie umsetze, als Lied, Text oder Buch zum Beispiel. Dieses Produkt, als stofflich gewordene Version der Idee, lässt sich dann von mir, oder von einer weiteren Instanz verwerten. Verlage verwerten etwa die kreative Arbeit von Autor:innen. Verwerten heißt, in Geld verwandeln. Und da steckt ja auch „Wert“drin. Nur wie viel und welcher Wert genau, ist vorher nicht fest verankert. Es gibt bestimmte anvisierte Summen, der Markt spielt eine Rolle, usw., aber im Vergleich zu einer Handwerksleistung oder der Steuerberatung folgt die Wertmachung von kreativer Arbeit nicht fix geregelten Prinzipien. Vielleicht ist es auch diese Ungewissheit, vorab nicht exakt zu wissen, wie die Arbeit entlohnt werden wird, die bei mir eine unbewusste Hemmschwele auslöst, meine „Kreativität“ als wertvoll zu beurteilen. Das hat auch weniger mit Zukunftsängsten zu tun, sondern vielmehr mit der Loslösung aus dem oben beschriebenen Prinzip „Leistung-Leiden-Belohung“. Auch wenn das frei gewählt ist, macht mir das irgendwie ein schlechtes Gewissen. Selbstverständlich möchte auch ich Teil der Gesellschaft sein und meinen Teil dazu beitragen, dass unser aller gemeinsames Leben lebenswert bleibt. Und Geld brauch ich natürlich auch. Und da stellt sich mir immer wieder, jeden Tag, ganz heimlich die Frage: „Bist du überhaupt gut genug? Wie kannst du dir anmaßen, nicht hart, schwer und mühsam zu arbeiten?“ Oder anders formuliert:

 

„Kannst du dir leisten, nichts zu leisten?“

Büro Bühne – Kann Arbeit auch Spielen sein?

Auch wenn ich mir das alles vor Augen halte, find ich es trotzdem äußerst schwierig, mir die Zeit zu nehmen, um kreativ zu arbeiten. Weil’s mir auch Spaß macht, und ich eben extrem intus habe, dass Arbeit keinen Spaß machen kann. Und bevor ich mir dann den Freiraum zu gestehe, um in der Arbeitszeit Spaß zu haben (Wahnsinn!), mach ich stattdessen meistens etwas Sinnvolles: AufräumenWäschewaschen, Finanzen, Pressearbeit oder Termine ausmachen zum Beispiel. Etwas, das ein konkretes und direktes Ergebnis hat. Wenn ich das erledigt hab, fühl ich mich gleich ein kleines bisschen wertvoller. Denn kreatives Arbeiten beinhaltet auch Aktivitäten die kein direktes Ergebnis haben. Nachdenken, Herumprobieren oder Nichtstun etwa. Ohne Platz und Raum können keine Ideen wachsen. Aber dieser Platz muss auch aktiv geschaffen werden. Das fällt mir persönlich irrsinnig schwer. Vermeintlich angenehme Beschäftigungen wie Nichtstun und Nachdenken als produktive Leistungsprozesse zu sehen ist beinah eine Unmöglichkeit. Aber unbedingt notwendig. Andersfalls hat die Kreativität keine Luft zum Atmen. Das Mühsame, die „Arbeit“ der kreativen Arbeit ist oft unsichtbar. Das macht sie schwer zu fassen und daher kaum zu bewerten. Dagegen gibt es 1000 Tätigkeiten, die eine klar definierte Wertigkeit haben. Stichwort Wäschewaschen und Steuererklärung. Umso verlockender sind sie für mich, tagtäglich die Dringlichkeit der kreativen Arbeit hintanzustellen, um meine eigene Wertigkeit gegenüber dem Leistungsgedanken zu rechtfertigen. Natürlich sind das auch 1000 Tätigkeiten des wertvollen Prokrastinierens, wenn’s grad keine brauchbare Idee gibt. Das ist wieder eine andere Diskussion. Wie gesagt, schwieriges Verhältnis.

 


 

Um da keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das alles hier soll kein Lamentieren auf prekäre, künstlerische Arbeitsverhältnisse sein. Dass es die gibt, steht eh außer Frage. Vielmehr stellt der Text hier den Versuch für mich da, auch nicht klar bewertbare Arbeitsprozesse als Notwendigkeit zu sehen. Ich bemüh mich. Ein Spaziergang zum Beispiel kann Teil des Prozesses sein. Auch Nachdenken ist Arbeit. Oder an die Decke starren. Schreiben sowieso. Kunst und Kultur ist (überlebens-)wichtig, auch wenn die Arbeit dahinter manchmal unsichtbar bleibt. Leo Leoni hat das alles in weniger als 20 Bilderbuch-Seiten auf den Punkt gebracht, ihr Mäusegesichter. Freu mich über eure Meinungen zu all dem Geschwafel! Das nächste Mal fass ich mich auch kürzer, versprochen. Aber: Wenn du bis hierher gelesen hast, ist das schon eine ordentliche Leistung für heute und du darfst jetzt Pause machen. Oder was Kreatives!

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Hinter den Kulissen – Unsichtbare Arbeit oder alles nur Spaß?

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