Matthäus Bär

Journal #3: Depression

Die Journale erscheinen monatlich und sind ein Überbegriff  für Essays, Kommentare, Erzählungen und Beobachtungen von persönlichen und/oder weltbewegenden Begebenheiten. Journal #3 beschäftigt sich mit Depression und dem Potential zur Veränderung.


Depression

 

[Disclaimer:] Um das Thema des diesmonatigen Journals zu eruieren, hab‘ ich vorab eine kleine Umfrage auf meinen sozial-digitalen Kanälen gestartet. Das eindeutige Ergebnis: Ihr wollt ja gar nichts Leichtes! Die demokratisch gewünschte Thematik hat sich dann doch recht klar von den locker-flockigen Vorschlägen abgehoben. Also geht es diesmal um: Depression. Aber keine Angst, ich werde mich hüten, hier irgendwelche Definitionen, Ratschläge oder Tipps zu verteilen. Das soll einfach eine kleine Erzählung meiner Erfahrung, Erlebnisse und Erkenntnisse im Zusammenhang mit dem Überbegriff Depression sein.

 

Das Thema Mental Health ist natürlich nicht erst seit dem Aufpoppen dieser elendigen Viruserkrankung präsent. Aber wie bei so vielen Aspekten unserer Gesellschaft, hat die Pandemie auch hier deutlich gemacht, dass viele Problemfelder unseres (Zusammen-)Lebens lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt wurden. Im Fall von seelischer Gesundheit nicht nur in Bezug auf mangelnde Infrastruktur und Behandlungsangebote, sondern auch im Umgang von uns allen mit den eigenen psychischen Ressourcen. Ich trau‘ mich zu behaupten, dass viele, viele Menschen schon am Rande ihrer körperlichen und emotionalen Kapazitäten agiert haben, lang bevor sich diese Viren in Wuhan so verheerend fusioniert haben. Das ist eins der Paradigmen der Leistungsgesellschaft. Leiste stets am Limit. Das soll jetzt kein Lamento auf das kapitalistische System sein – ich finde, es geht darum, innerhalb dieses Systems agieren und überleben zu können, ohne sich ständig, über Jahre hinweg aufzureiben. Das geht auf Dauer an die Substanz. Und die Substanz bist du. Und wenn du eh schon struggelst, und dich abmühst und zwischen Geldverdienen, Kinderbetreuung, Beziehungsarbeit, Haushalt und persönlicher Verwirklichung hin- und herstolperst und dann noch eine alles abverlangende Pandemie DAZU kommt – dann geht sich das alles einfach nicht mehr aus. Relativ logisch, dass dann im Zuge dieser permanenten Belastung und der andauernden Anspannung, irgendwann dein Körper und dein Kopf sagen, sie können nicht mehr. Und deren Reaktion auf stetiges Abverlangen ist mitunter Schmerz, starker körperlicher Verfall und/oder Depression. (Selbstverständlich gibt es auch etliche andere, mitunter biologische Ursachen für psychische Erkrankungen.)

Im Prinzip ist es Physik: Wenn du immer nur Strom aus der Steckdose zapfst, über einen langen Zeitraum, und nie dafür sorgst, dass auch Energie produziert wird, bleiben die Maschinen irgendwann stehen. Oder um einen anderen Vergleich zu bemühen, du kannst nicht immer nachgießen, ohne jemals die Gießkanne aufzufüllen. Zum Auffüllen braucht es Dinge wie Erholung, sozialer Austausch, Ablenkung, Spiel, Spaß, Bewegung. Also Tätigkeiten, die keinen anderen Zweck verfolgen, außer deine Synapsen, Muskeln und Nerven aufzulockern. Dich zu zerstreuen. Selfcare und Achtsamkeit und so weiter sind natürlich auch recht modisch, und teilweise wird das auch problematisch, weil es mitunter individualistische Tendenzen beinhaltet, aber grundsätzlich macht es schon Sinn, auch auf die eigenen Ressourcen nicht zu vergessen. Okay, das war jetzt doch relativ viel Erklärung. Jetzt wird’s aber persönlich.

Gestresst oder depressed?

Ich bin grundsätzlich ein ziemlich fokussierter Arbeiter. Wenn ich endlich einmal dabeisitze, kann ich mich gut konzentrieren, über mehrere Stunden. Das ist zwar meistens eloquent, aber auch sehr anstrengend und körperlich herausfordernd. Es verlangt mir viel ab. In der ersten Phase der Pandemie hab‘ ich das professionalisiert. Wir hatten eine Art Halbtagslösung, halber Tag Kinderbetreuung, dann Wechsel, dann reinarbeiten was geht. Über einen langen Zeitraum. Zerstreuungen wie Kino, Freunde, Konzerte, Reisen waren ja damals im Frühjahr 2020 nicht möglich. Das Leben war reduziert auf reine Funktion. (Ja, auch das Familienleben ist durchaus etwas Schönes und kann viel Kraft geben, aber es birgt auch einen Teil Arbeit und Verantwortung.) Wie gesagt, auf Dauer geht sich das nicht aus. Jedenfalls hat sich mein Körper relativ bald gemeldet, was ich geflissentlich ignoriert habe. Verspannungen, Schulter-, Nacken- und Hüftschmerzen sind mit 30+ jetzt auch nichts besonders Seltenes. Die anfänglichen Kreislaufprobleme und zunehmende Schwäche hab‘ ich mit übertriebenen Traubenzucker- und Sportgetränkekonsum ausgeglichen. Ja, ich gestehe, ich habe mit Isostar gedopt. Bis zum Sommer ging das auch recht gut. Dann wollten wir auf Urlaub fahren. Und dann war’s soweit. In dem Moment, wo ein bisschen Luft war, eine kleine Möglichkeit des Atemholens, hat mein Ich so dermaßen die Notbremse gezogen, dass es mich völlig aus den Schuhen geworfen hat. Eh alles typisch. Schön, war es trotzdem nicht. Ich war völlig überfordert. Das ist ja auch der Zweck von Angstzuständen und Panikattacken. Kurz hab‘ ich gedacht, den Verstand zu verlieren. In gewissem Sinne hatte ich mich ja auch verloren. Ich hatte wahnsinnige Angst, allein zu sein. Gleichzeitig haben mich meine Mitmenschen total gestresst. Die grundlegensten Dinge meines Seins waren mir nicht mehr greifbar. Noch immer bin ich meiner Partnerin unendlich dankbar, für die Liebe, den Rückhalt und vor allem die Geduld, die sie mir in dieser Zeit entgegengebracht hat.

Irgendwann hab‘ ich dann begriffen, dass es wohl keine körperlichen Ursachen für meine Zustände gibt. Dass es nichts Stoffliches ist. Dann kam die Phase, in der ich alle Gründe im Außen gesucht habe. In meinem Umfeld. Nacheinander hab‘ ich allen Menschen um mich herum die Schuld gegeben für mein Unwohlsein. Meiner Mutter, meinem Vater, meiner Partnerin. Sogar meine Kinder hab‘ ich teilweise für meine große Unzufriedenheit verantwortlich gemacht. Dafür möchte ich mich heute entschuldigen. Natürlich hat deine Umgebung Einfluss auf dich. Aber umgekehrt hast du genauso Einfluss auf deine Umgebung. Es mag einfacher sein, die Schuld immer dem Außen zuzuschreiben, den Menschen, der Pandemie, dem System. Letztendlich kommt es doch auf deinen Umgang mit all dem an. Dass soll nicht heißen, dass du mit stoischer Miene alles ruhig hinnehmen musst. Eher, dass alles nur so groß und schwer ist, wie du es machst. Zu verstehen, dass zwar alles wahr sein kann, aber trotzdem nicht allumfassend schlimm, hat Monate gedauert. Doch es gibt eben mehr als schwarz und weiß und jede Wahrheit ist nur eine Wahrheit.

 

Hier den Fokus auch auf die vielen, vielen guten Seiten des Seins zu richten, ohne die schlechten auszublenden, ist ein kleiner game changer. Hehe.

 

In den letzten zwei Jahren hab‘ ich viel über mich gelernt. Nicht nur in der Psychotherapie, ganz überhaupt. Was ich brauche, was ich will, was ich nicht so mag, was mir zuwider ist, was sein kann, was sein muss. Und was mir gut tut und was nicht. Hier das richtige Maß zu finden, ist nach wie vor ein Balanceakt. Zwischen den Bedürfnissen des Außen, der Anderen, den finanziellen Realitäten auf der einen und den inneren Bedürfnissen, meinen Wünschen und Vorstellungen auf der anderen Seite. Gleichzeitig gilt es auszutarieren, welchen gesellschaftlichen Normen möchte ich entsprechen, welchen nicht oder kann und will ich alle (verwandtschaftlichen) Erwartungen überhaupt erfüllen? Hier die Balance zu halten, gelingt nicht immer. Aber immer besser.

 

Ich kippe zum Beispiel noch immer regelmäßig in so manische Stressarbeitsphasen, in denen ich unbedingt dieses oder jenes fertig machen und abschließen möchte. Dann hab‘ ich schnell das Gefühl, es reicht nicht, wenn ich nur eine Aufgabe erledige. Nicht nur arbeitsmäßig, genauso im Haushalt oder sogar im Sport, den ich ja eigentlich mache, um einen Ausgleich zu schaffen. Nach zwei, drei Tagen derartiger Anspannung kommen ganz schnell die Zweifel. Zweifel an mir, an meinem Lebensentwurf, am Sein. Das macht natürlich Angst. Dann brauch‘ ich wieder Zeit, um mich zu fassen. Was mir dabei hilft, ist eben, auch die kleinen, schönen Aspekte zu sehen. Die Vergegenwärtigung des Guten. Also keine Schönrederei, sondern zu erkennen, dass nicht alles perfekt sein muss, um gut zu sein. Es ist okay, nur okay zu sein. Das ist nicht immer einfach, lässt sich aber üben. Ich erkenne zum Beispiel früher, wann es eigentlich genug ist, und ich eine Pause brauche. Letztes Jahr noch bin ich meine eigenen Grenzen einfach so lange übergangen und hab‘ meine persönlichen Limits an die Anforderungen angepasst, bis die mir selbst gestellte Aufgabe abgeschlossen war. Mittlerweile hab‘ ich gelernt, das rücksichtsvoller zu gestalten. Mir selbst gegenüber. Tatsächlich feiere ich manchmal nicht abgeschlossene Tasks wie kleine Erfolge. Völlig absurd! Aber es geht mir in Summe besser.

Unter- oder Aufgehen?

Depression, Burn Out, Stress Overload, Leistungsdruck – was auch immer, jedenfalls hat es mich dazu gebracht, mich intensiv mit mir auseinander zu setzen. Mich kennenzulernen (Yes, very cheasy!). Und das hat auch was Gutes. Und gerade, weil ich um alles in der Welt verhindern möchte, jemals wieder in diesem finsteren, schwarzen Ort der Verzweiflung zu landen, werde ich umso genauer auf dieses neu kennengelernte Ich hören. Es ist nicht immer klar und deutlich zu verstehen, aber mein Sensorium dafür ist geschärft. Ich kann es nur empfehlen. Play your part, but listen to yourself! Nächstes Mal wird’s lustiger, fix versprochen!

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Listen to yourself!

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