Matthäus Bär

Journal #5: Sturm Graz

Die Journale erscheinen monatlich und sind ein Überbegriff  für Essays, Kommentare, Erzählungen und Beobachtungen von persönlichen und/oder weltbewegenden Begebenheiten. Journal #5 beschäftigt sich mit meiner geheimen Leidenschaft: Sturm Graz.


SK Sturm Graz

 

Lange versprochen, noch länger aufgeschoben, aber hier nun endlich ein paar Worte zu meiner mehr oder weniger geheimen Leidenschaft: Der Sportklub Sturm Graz.

 

Neben einer bestimmten, noch immer regelmäßig erscheinenden Manga-Reihe und trashigen Historien-Fernsehserien gehört Fußball zu jenen Dingen, mit die mir dabei helfen, die Realität ein bisschen weniger abwegig erscheinen zu lassen. Trotzdem wäre es nicht ganz richtig, Fußball im Allgemein als einen meiner Zeitvertreibe zu bezeichnen. Es ist eher eine Obsession. Wobei auch da nicht das Fußballspiel an sich mein besonderes Interesse weckt. Über das ballestrische Weltgeschehen weiß ich zwar im Großen und Ganzen Bescheid, ich verfolge auch anstandshalber alle paar Jahre eines der kommerzialisierten Großereignisse – mein hidden pleasure gilt aber ganz und gar einem kleinen, fußballerisch ehrlicherweise völlig unbedeutenden Verein: Dem am 1. Mai 1909 gegründeten Sportklub Sturm Graz.

Vorausstellen muss ich, dass ich zwar auch das tagesaktuelle Geschehen und den sportlichen Werdegang des Vereins intensiv verfolge – sprich, ich schaue mir (beinah) alle Spiele an, kenne die Spieler-, Trainer- und Zeugwartnamen und weiß, wer die im Moment handelnden Personen sind – die sportlichen Erfolge sind allerdings nicht das, weswegen ich Anhänger dieses Klubs bin. Sportliche Erfolge, also das Gewinnen von Meisterschaften, Titeln und Trophäen ist natürlich das primäre Ziel eines jeden Fußballvereins und die geheime Hoffnung aller Fans. Auch ich freu‘ mich, bin begeistert und enthusiastisch, wenn Sturm gewinnt, und ich auch bin traurig, wütend und bitterlich enttäuscht, wenn die Mannschaft verliert. Und wenn sie alle paar Jahr einen nationalen Titel holen bin ich sowieso völlig aus dem Häuschen. Aber – und das ist der springende Punkt – Titel und Trophäen sind meiner Meinung nach nur das Topping, also das Sahnehäubchen quasi. Würde ich meine Verbundenheit zu einem Verein allein von der Wahrscheinlichkeit eines Titelgewinns abhängig machen, sollte ich meinen Fokus eher auf kommerzialisierte Fußballprodukte ausrichten, wie sie ein bekannter Energiedrinkhersteller forciert. Dort ist die Rechnung einfach: Gewinnt die Fußballmannschaft, steigt der Umsatz des Sponsors. Der ist praktischerweise gleich der Eigentümer des Vereins und kann so alle Entscheidungen auf kurzem Dienstweg und ohne lange Diskussionen treffen, was wiederum Zeit und Energie spart und Zeit ist ja bekanntlich Geld.

Weißes Ballett, oder Badkicker? Völlig egal!

Selbstverständlich muss auch ein Verein wie Sturm Graz mehrheitlich am Rasen gewinnen, um auch finanziellen Gewinn zu machen. Je mehr du gewinnst, desto mehr Geld nimmst du ein, desto bessere Spieler kannst du dir leisten, desto öfter gewinnst du, und so weiter. Umgekehrt, wenn du nur verlierst, verlierst du auch Sponsoren, Spieler, Fans, Öffentlichkeit und bald ist der Ofen aus (Grüße in den Norden von Graz). Der kleine, aber feine Unterschied zwischen einem Fußballkonstrukt eines international tätigen Konzerns und einem Verein wie dem SK Sturm ist, dass sich der Mitgliederverein mit den durch die sportlichen Erfolge lukrierten Erlösen selbst erhält und nicht von den Launen, Umsätzen und Businessplänen eines Unternehmens abhängig ist. Und das ist wesentlich. Vor über 100 Jahren haben eine Handvoll dahergelaufene Typen im Grazer Augarten beschlossen, sie gründen einen Fußballverein. Und jetzt gibt es ihn noch immer. Die Gründer sind inzwischen längst verstorben, aber – um es pathetisch zu formulieren – ihr Idee lebt nach wie vor. Und es ist nicht die Idee eines Einzelnen, sondern ein kollektiver Wunsch einer Gruppe, der im Grundgedanken auch Generationen später noch exakt derselbe ist. Das ist, was ich so faszinierend finde.

Ein eigenes Stadion hat Sturm Graz zwar auch 111 Jahre später nicht, aber diese Idee der Handvoll Wiesenkicker hat mittlerweile eine Erste, eine Zweite, eine Damen-, etliche Jugend- und Kindermannschaften, ein Special-Needs-Team, eine Akademie, zahlreiche Angestellte, einen über die Landesgrenzen hinaus bekannten Namen und – das Wichtigste – über 3000 Mitglieder! Das heißt, mehrere tausend Menschen unterstützen aktiv diese Idee von damals. Oder sogar noch wichtiger, mehrere tausend Menschen können diese Idee aktiv weiterentwickeln, gestalten und vorantreiben. Den Verein noch besser machen, noch nachhaltiger, noch umsichtiger auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten. Denn jedem Mitglied ist es möglich, Anträge und Gestaltungswillen einzubringen. Wenn ich es also für gut befände, den Verein in „SK Bär Graz“ umzubenennen, hätte ich als stimmberechtigtes Mitglied theoretisch die Möglichkeit, diesen Antrag bei der nächsten Generalversammlung zur Abstimmung zu bringen. Und wenn sich dafür eine Mehrheit an Unterstützer:innen fände, würde der Verein in Zukunft „SK Bär Graz heißen“. Nur so in der Theorie, keine Angst, hab‘ ich nicht vor. Diese grundsätzliche Möglichkeit an partizipativem Potential ist, was ich ebenfalls so super finde. Nicht, dass ich jetzt Präsident oder Kassier werden möchte, aber im Prinzip ist der Sportklub Sturm ein schnöder, basisdemokratischer Verein. Eine fast romantische Vorstellung: Die Entscheidungsgewalt, die Macht, ist unabhängig und liegt im Grunde bei den Mitgliedern.

SK Bär Graz?

Angefixt wurde ich übrigens – sehr zum Leidwesen meines eher fußballophoben Vaters – vom damaligen Freund meiner Tante, der selbst seit seiner Geburt eingetragenes Sturmmitglied war. Angeblich wurde an seinem Elternhaus nach Niederlagen von Sturm eine schwarze Trauerfahne gehisst. Soweit ist’s bei mir noch nicht, aber tatsächlich fühle ich mich erleichtert, wenn im Verein gut gearbeitet wird. Wenn nach Erfolgen kein kartnig’scher Größenwahn ausbricht und wenn nach Niederlagen nicht alles verteufelt wird und unüberlegt Köpfe rollen. Wenn die aktuell verantwortlichen Personen mir das Gefühl vermitteln, sie agieren nach besten Gewissen im Sinne des Vereins und der Idee. So gesehen bin ich natürlich viel mehr Fan des Vereins, als Fan der Mannschaft. Keine Spieler:innen, keine Funktionär:innen, keine Siege, keine Niederliegen, sind wichtiger als die Idee. Trotzdem fräst sich mein wahnhaftes Hirn selbstverständlich jedes noch so unwichtige Detail an Spielertrivia und Nonsenswissen ein. Die Legende Jakob Jantscher ist zum Beispiel in seinen ersten beiden Profisaisonen immer mit dem Fahrrad oder dem familieneigenen VW Sharan zum Training gefahren. Mittlerweile kickt er wieder in Graz, ist Nebenerwerbsobstbauer und hat einen Lamborghini – der allerdings ein Traktor ist. Don’t ask me, why I know that. Ich lieb’s einfach. Und um zum Abschluss noch den kürzlich verstorbenen Jahrhundertrainer Ivica Osim zu bringen:

“Sturm deckt alles, was schwarz ist in meinem Leben. Alles, was weiß ist, auch.”

Jahrhundertrainer

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