Matthäus Bär

Über Leben – Metaphysische Familienansichten

Ein wöchentlicher Rückblick auf das Leben mit und unter Kindern. Um die lustigen Aspekte nicht zu übersehen, und auch was eigentlich alles geschafft wurde, trotz/mit/wegen all dem Alltag. Veröffentlicht via Facebook und Instagram.

KW 20/22

Altbauwohnungen sind die Menschheit des Bauwesens: Auf den ersten Blick hübsch anzusehen, aber gleich hinter der ersten Farbschicht tun sich die wahren Abgründe auf. Der Lack bricht, die Fassade bröckelt – und statt wieder nur einzelne Drähte auszutauschen und bei ein paar Stellschrauben zu drehen, bräuchte es eigentlich eine Generalsanierung. Nur wer kann sich das leisten? As usual, eine Frage des Geldes. Andererseits, wann, wenn nicht jetzt? Gibt es jemals wieder die Gelegenheit dazu? Die zukunftsfreundlichere Entscheidung wäre es auf jeden Fall (sofern es eine Zukunft gibt). Weil sonst hast du in zehn Jahren eine ähnliche Baustelle. Und wieder nur Flickwerk in den Wänden. Aber genug Metapheriesierungen, Gesellschaftsumbau ist schließlich eine andere Hausnummer als Wohnungsrenovierung. Oder doch nicht? Also, auf ans Werk! Wo ist nur die Abisolierzange, wo der Vorschlaghammer? Jahrhundertwende ist zwar schön, aber nicht in den Stromleitungen!

 

KW 19/22

Was, es ist schon Mitte Mai? Wie kann das sein? Brauche dringend ein Mittel zur Zeitverlangsamung. Die Große wächst uns über den Kopf und kommt langsam drauf, dass sie uns haushoch überlegen ist. Die Kleine fährt ohne mit der Wimper zu zucken und ohne uns mehrere Tage fort. Die ersten Bär-Abschieds-Konzerte sind schon über die Bühne gegangen, wollten wir vorab nicht ordentlich proben dafür? Und hab’ ich den einen Text schon abgegeben, oder muss ich ihn erst überarbeiten? Möchte die Zeit eh nicht festhalten, dafür gibt’s Fotografie (manchmal leider), und für immer in pubertären Körpern will natürlich auch niemand stecken bleiben. Aber so ein bisschen weniger schnell könnte die Zeit schon verrinnen, oder? Nur um sie aktiv wahrzunehmen und nicht immer nur hinterher zu hecheln. O Tempora, O Mores!

 

KW 18/22

Bin grad ein wenig überfordert mit allem. Bauen unsere Wohnung um, 1000 Entscheidungen sind zu treffen, Stromanschluss hier, Warmwasser da, Farbe X hier. Im Vergleich zu einer großen Baustellen eh harmlos, I know, aber trotzdem viel zu denken. Daneben muss das “normale” Leben ja auch noch gelebt werden. Deadlines für Abgaben nehmen keine Rücksicht auf Wohnraumrenovierungen, genauso wenig wie Payjobs, Proben, Theaterstücke und anstehende Konzerte. Die Kinder natürlich auch nicht. Fragen der Pubertät wollen Antworten. Da musst du dir Zeit nehmen, auch wenn du keine hast. All together ist das schon nicht so wenig. Denke, es ist ok, ab und zu überfordert zu sein. Möchte auch nicht wieder ins Burnout, war nicht so cool dort. Werde mich daher heut ein wenig ausrasten, die nächsten zehn Tage sind durchgehend Arbeit. Muss nur noch schnell die Handwerker einweisen, ein Mail schreiben und dann zu Mittag die Große von der Schule abholen. Uff!

 

KW 17/22

Odyssee in a nutshell: Habe noch einen gültigen Wertgutschein über einen gar nicht so kleinen Betrag eines großen österreichischen Unternehmens. Wollte den letztens beim Bezahlen im Internet einlösen, nur leider haben sie im vergangenen Jahr das Gutscheinsystem umgestellt. Das neue System erlaubt nur 6-stellige Gutscheincodes, mein Code hat aber 9 Stellen. Habe die Hotline angerufen. Nach 30 Minuten in der Warteschleife hat mir eine Mitarbeiterin eine Mailadresse angesagt, wohin ich schreiben soll. Leider war diese Mailadresse aber nicht mehr existent. Nach abermaligen 45 Minuten in der Warteschleife (sehr schöne Melodie) hat mir ein anderer Mitarbeiter erst geglaubt, dass genannte Adresse falsch ist, nachdem ich ihm mehrmals buchstabiert habe, was ich eingetippt hatte. Wieder 15 Minuten später konnte er mir eine andere Adresse nennen. Die gab’s auch wirklich. Zwei Tage später kam auf mein Anliegen, den Gutschein bitte zu refundieren, auch eine Antwort: “Guten Tag, vielen Dank für Ihre Anfrage. Wir haben Ihren Gutschein geprüft, er ist noch gültig. Bitte lösen Sie ihn einfach in unserem Onlinebezahlsystem ein.” Ok, kurz war ich cool, aber eigentlich… WTF! Schon vergessen, 9 Stellen! Seit meiner höflich formulierten Antwort (“Bitte entschuldigen Sie, wenn ich jetzt etwas ungehalten werde…”) ghosten sie mich eiskalt. Aber noch geb’ ich mich nicht geschlagen. Ich werde diesen Gutschein einlösen, und wenn es das letzte ist, was ich tue.

 

 

KW 16/22

Frage an die Menschen mit Kindern: Sind eure auch so derartige Horter:innen? Es ist mir fast peinlich, aber wir müssen uns externe Kinderbetreuung von Großeltern und Co organisieren, damit wir ab und zu Dinge und Besitztümer, die seit Jahren niemand mehr verwendet, aussortieren, weitergeben oder verschenken können. Mit den Kindern gemeinsam ist das eine undenkbare Unmöglichkeit. Ich mach dann immer so Haufen mit Zeugs und Spielsachen, die sie sich bitte anschauen und gut überlegen sollen, ob sie das wirklich, wirklich noch brauchen. Und wenn der Haufen nur zu 80% wieder ins Regal zurück wandert, bin ich schon mehr als froh.

“Nein, nicht die Babyrassel (mit der ich das letzte Mal als Säugling gerasselt hab’), mit der spiel’ ich doch so gern!” Rassel, rassel, rassel.

“Ach, da ist ja das abgelutschte Eis-Stäbchen, damit wollte ich letzten Sommer was basteln.” Bastel, bastel, bastel.

“Oh, schau wie schnell ich das 4-teilige Katzenpuzzle gelöst hab’! Seit ich zwei bin, ist das mein Lieblingsspiel!” Puzzle, puzzle, puzzle.

Werde ihnen einfach zum nächsten Geburtstag wieder ein paar alten Babyspiele schenken, mal schauen, ob sie sich dann auch noch freuen. Und niemals, niemals sonst wird der Müll so schnell entsorgt, wie wenn sich darin Gebasteltes, Gemaltes und sonstige Kinderkunst befinden. Mit der Zeit und zunehmenden Ansammlungen legen sich auch die Gewissensbisse. Wir Erwachsenen haben dann eher andere Sorgen: “Hast du das Altpapier schon runtergebracht? Schnell, in 10 Minuten kommen sie nach Hause!”

 

 

KW 15/22

Waren diese Woche in Italien. Es war sehr schön, erste Sonnenbrände inklusive. Echt immer wieder beeindruckend, um wie viel besser das Essen ist. Selbst die selbstgekochten Nudeln vom Billigdiskonter sind irgendwie schmackhafter. Warum ist das so? Nur das Urlaubsfeeling? Sogar die grindigsten Tschocherl servieren bestesten Kaffee. Bei uns bekommst du in vergleichbaren Etablissements höchstens Schnaps und einen Bauchstich dazu. Bauchstich kannst du in Italien wahrscheinlich auch haben, aber zumindest der Espresso ist 1A. Was allerdings nicht so schön ist, sind die vielen Österreicher:innen. Du bist automatisch unangenehm berührt, wenn du in einem fremdländischen öffentlichen Verkehrsmittel sitzt, friedlich das Meer und die Möwen bewunderst und dir plötzlich jemand ins Ohr plärrt: “Schau, da vurn is a Kontänaschiff!” Und wenn die Gattin des Erwin-Pröll-Gedächtnisfrisur tragenden Herrn antwortet: “Geh weida, jetzt tua ned so, ois ob’st no nia ans gsehen host.” Eben, bitte, tu nicht so, sei nicht so! Ich brauch’ noch einen Espresso.

 

 

KW 14/22

Fällt es eigentlich noch jemandem schwer, die richtige Balance zu finden, zwischen Ehrgeiz, Realität, Energiehaushalt, Kindern, Zeit und Geld? Schon klar, und wie schon oft angemerkt, es ist natürlich ein Privileg, wenn dir aussuchen kannst, mit was und wann du dein Geld verdienst. Aber so grundsätzlich, was ist das richtige Maß an Anstrengung und Entspannung, wann wird Forderung zur Überforderung und wie lässt sich das halbwegs steuern? Lässt es sich überhaupt steuern? Ist Anspruch automatisch ungesund, oder braucht es gewisse ehrgeizige Motive als Motivationsgrundlage? Grad als Elternteil, also wenn deine verfügbare Tageszeit zu einem beträchtlichen Teil fremdbestimmt wird (jetzt etwas streng formuliert), ist es mitunter schwierig, hier alle Realitäten und Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen. Was mir manchmal hilft sind Mid-Term-To-Do-Listen. Nicht so unendliche Aufzählungen, was alles bis gestern erledigt werden muss – die ergeben sich eh tagtäglich von selbst – sondern eher mittelfristige Ziele, die ich zum Beispiel bis Ende der kommenden Woche geschafft haben will. Und wenn ich’s nicht schaff’, schieb ich’s in die nächste. Das macht weniger Stress als “harte Listen”, lässt aber genauso wenig vergessen und belohnt auch sehr beim Durchstreichen erledigter Tasks. Zumindest hilft’s mir, mich ein klein weniger weniger gestresst wahrzunehmen. Denn schließlich haben selbst Eltern Gefühle. Auch wenn unsere Kinder das manchmal nicht wahrhaben wollen, wie sie uns gern wissen lassen: “Du bist doch nur ein Vater.” Eben.

 

KW 13/22

Eltern finden sich im Alltag oft in Situationen wieder, die es erfordern, die eigenen Kinder ruhig zu st….äh, zu unterhalten. Vor allem, wenn Handyakku oder Datenvolumen bereits aufgebraucht sind, eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Deshalb hier zur Auflockerung einmal zwei Empfehlungen, falls das gängige Repertoire an Kinder-, Volks- und Weihnachtsliedern und/oder Klatschspielen bereits bis zur Ohnmacht durchgekaut wurde. Lifehack quasi. Für lange U-Bahn- oder Straßenbahnfahrten haben wir zum Beispiel ein Spiel entwickelt, das ich äußerst poetisch “das U-Bahnspiel” nenne: Setzt euch in die Nähe einer Tür und ratet, wie viele Personen bei der nächsten Station einsteigen werden. Jedes Familienmitglied muss ihren/seinen Tipp abgeben, bevor der Wagen in die Station einfährt. Wer der Wahrheit am nächsten ist, bekommt einen Punkt, wer die meisten Punkte beim Aussteigen hat, gewinnt. (Falls zu kompetativ, lässt sich ja auch gemeinsam raten.) Bei langen Fahrten ergeben sich so spannende Kopf-an-Kopf-Rennen und schon oft  geglaubte Sieger:innen wurden auf den letzten Metern haushoch ausgebremst. Wem das zu stressig ist, empfehle ich ein anderes Spiel, dass ich früher sehr gern gespielt habe, präferiert an Sams- oder Sonntagen, wenn die Kinder früh zu und auf uns ins Bett gesprungen sind. Leider besiegt mich mittlerweile vor allem die große Tochter mit Leichtigkeit. Es heißt “Wer länger die Augen zumachen kann”.

 

KW 12/22

Haben diese Woche meine Urgroßmutter verabschiedet. Sie wurde 94 Jahre alt, war körperlich fitter als manch 30-Jährige, nur alles ganz gemerkt hat sie sich nicht mehr. Es ist irgendwie unwirklich, wenn ein Mensch plötzlich nicht mehr da ist. In ihren fast 100 Jahren hat sie Dinge erlebt, die wir uns alle gar nicht vorstellen können. Aufgewachsen ist sie in einer kleinen Sprachinsel im südlichen Slowenien. Die Gottscheer wurden von irgendwelchen Grafen im 14. Jahrhundert dort angesiedelt und dann einfach 600 Jahre lang vergessen. Erst der aufkeimenden (Deutsch-)Nationalismus weckte das Interesse an ihnen, und plötzlich wurde aus den Gottscheern Politik. Bevor sie 20 war, verlor meine Urgroßmutter zwei Zuhause. In den obersteirische Barackensiedlungen fand sie ein neues. Diese großen Anlagen provisorischer Unterkünfte für die vertriebenen und vergessenen Staaten- und Heimatlosen dieser Zeit, blieben jahrzehntelang bestehen. Ähnlich wie heute interessierte sich kaum jemand für den Verlust und die Geschichte dieser Menschen. Als billige Arbeitskräfte waren sie trotzdem willkommen. Die lange Geschichte meiner Urgroßmutter nahm schließlich ein gutes Ende. Ohne ihren unermüdlichen Einsatz und ihre Kraft, auch in den allerschlimmsten Zeiten die Hoffnung nicht aufzugeben, wäre alles Folgende jedoch nicht möglich gewesen. Ich auch nicht. Möglicherweise hilft es, sich ab und zu zu vergegenwärtigen, wie viele ähnliche Geschichten in jeder Familie stecken. Dann lassen sich die Flüchtenden und Vertriebenen von heute vielleicht gleich mit anderen Augen sehen. Egal woher. Zu wünschen wäre es. Mach’s gut, liebe Amo!

 

 

KW 11/22

Nach 9 Jahren hab’ ich seit letzten Mittwoch erstmals kein offizielles Vereinsamt in unserer Kindergruppe inne. Einerseits: Juhu! Anderseits: Ach! Es war mitunter intensiv und anstrengend, gleichzeitig aber auch sehr super und ich möchte die Zeit und gemachten Erfahrungen um keinen Preis missen. Ein bisschen ist Kindergruppendiplomatie ja ein Modell der großen Welt. Unterschiedliche Bedürfnisse prallen aufeinander, die Hardliner wollen den Schwurbelnden an den Kragen, die Selbstgerechten den zu Lässigen und die Organisierten wundern sich über die Verpeilten. Da den gemeinsamen Nenner zu finden, ist manchmal nicht einfach, lohnt sich aber immer. Key Asset dafür: Kommunikation. Kann nur empfehlen, kümmert euch um eure Kinder und um die von anderen. Das schärft den Blick fürs Ganze und relativiert die eigenen Befindlichkeiten. Allerdings haben wir vor zwei Jahren noch über Backerbsen und die richtige Dosierung von Glitzer beim Spielen gestritten. Heute wird über Hygienemaßnahmen, Teststrategien und atomare Bedrohungen diskutiert und besprochen, ob und wie es die Gruppe stemmen kann, geflüchtete Kinder aufzunehmen. Mach’ mir aber keine Sorgen, die Gruppe ist weiterhin in guten Händen. Und: Ein Hoch auch auf alle Pädagog:innen. Haltet sie in Ehren und zahlt ihnen mehr. Sie sind es, die (neben euch) die Menschheit von Morgen prägen. Oder, um hier auch einmal ein Kind zu Wort kommen zu lassen: “Auch wenn ich ein Ungeheuer bin, liebe ich meine Betreuer:in!”

 

 

KW 10/22

Es gerät aus den Fugen. Neben all dem offensichtlichen Wahnsinn und dem Leid, können auch Gespräche mit deiner Bankberaterin ein Parameter dafür sein. Wenn dir die Bank aktiv eine Lebensversicherungen anbietet und gleichzeitig unverhohlen zugibt, dass der ganze Zaster, den sie im Keller liegen haben, eh nichts mehr wert ist, weshalb du dringend deine mickrigen Cents in Wertpapiere investieren sollst, dann ist offensichtlich grundsätzlich was im Argen. “Zum Beispiel im Sektor Nachhaltigkeit, da haben dann ihre Kinder auch noch was davon!” Screw you! Besonders schlimm an dieser für mich unnachvollziehbaren Welt des Geldes ist, dass sie einfach völlig davon überzeugt ist, die einzig richtige zu sein. Ist aber auch nur eine Bubble von vielen, tatsächlich gibt es mehr als nur monetäre Werte. Hätte ihr gern geantwortet: “I don’t need to sell my soul, he’s already in me!”. Hab’ ich aber nicht, sondern mich bedankt, und mich dann schleunigst meinem neuen Lieblingsinstakanal gewidmet. Bei “Ekekekek” kannst du ausschließlich Katzen sehen, die aufgeregt mit ihrem Kiefern klappern und komische Geräusche machen, weil sie irgendwo ein paar Vögel sehen. Das zum Beispiel sind für mich unbezahlbare Kulturgüter. Werde die Beraterin fragen, ob ich auf hierfür Anleihen erwerben kann. Ekekek!

 

 

KW 9/22

Mussten dem Schulkind erklären, was Jodtabletten sind und warum in der Schule tatsächlich diskutiert wird, wann und wie die Kinder diese einnehmen sollten. WTF?! Wie sehr am Ende ist diese Welt? Ist ja nicht so, dass Klimakrise, Pandemie, soziale Ungleichheit und drohender Wirtschaftskollaps schon genug wären. Packen wir noch Krieg und atomare Bedrohungen drauf. Yeah! Die Menschen sind wirklich das Übelste, was dieser Planet mitmachen musste. Aber, wie schon gesagt, auch wenn die Wirklichkeit ins Wanken gerät, sollten wir die Zuversicht nicht über Bord werfen. So wie die Infantin letztens plötzlich gerufen hat: “Komm, stürzen wir uns ins Abenteuer!” In Ordnung, und geben wir das Beste, damit es auch gut ausgeht!

 

 

KW 8/22

Sind noch völlig perplex aufgrund der Ereignisse in der Ukraine. So ganz fassen können wir das nicht. Das Selbstverständnis und der Glaube an Vernunft, Rationalität und an das Gute geraten ordentlich ins Wanken. Die Kinder nehmen das mit der ihresgleichen üblichen Pragmatik. “Wenn der auch zu uns kommt, schicken wir ihn wieder weg … kann ich jetzt weiterspielen?” Auch ich finde es gerade in diesen post-aufgeklärten und (!) pandemischen Zeiten wichtig, den Fokus auf die vielen positiven Aspekte des Lebens nicht zu verlieren. Trotz oder gerade wegen dem vielen Wahnsinn gilt es, das Schöne, Gute und das Liebe zu sehen. Auch innerfamiliär. Wenn die Kinder zum Beispiel wieder in der Nacht geschlichen kommen und einer von uns Großen ins Kinderbett auswandern muss, ist das zwar mühsam und auf Dauer zehrend – andererseits ist das auch Teil unseres gemeinsamen Weges. Der ist eh nicht sehr lang. Schließlich haben wir nur diese eine Zeit mit ihnen. Und ohne die Anstrengungen, Schrecken und Bedrohungen auszublenden, versuche ich, mich auf das Gute zu konzentrieren. Gelingt nicht immer, aber die Schwere wird merklich leichter. Life-Hack over.

 

 

KW 7/22

Yippie, wieder mal Homeschooling wegen zu vielen Fällen in der Klasse. Ertappe mich dabei, wie ich beim Katzenkloausräumen gedankenverloren den Sand in feine Bahnen reche. Quasi DIY-Zen-Garten. Die innere Ruhe ist auch wichtig, besonders wenn du mit niemals enden wollenden Fragen konfrontiert bist. Schön, wenn Eltern noch als Verkörperung von Weisheit und Wissen gesehen werden, aber nicht alles lässt sich beantworten. Nur leider akzeptieren unsere Kinder diese Tatsache nicht. Hier ein kleiner familiärer Fragenkatalog inklusive möglicher Beantwortungen:

“Wann ist endlich morgen?”

“Nach dem Schlafen.”

“Wie lange dauert das?”

“Circa 8 Stunden.”

“Wie lang sind 8 Stunden?”

“Ungefähr 25 Folgen PJ Masks lang.”

“Warum ist jetzt nicht Frühling?”

“Weil noch Winter ist.”

“Warum regnet es heute nicht?”

“Wegen dem schönen Wetter?”

“Warum gibt es keine Marmelade?”

“Weil wir keine gekauft haben.”

“Gibt es kein anderes Brot?”

“Nein.”

“Muss ich heute in den Kindergarten?”

“Ja.”

“Wann?”

“Gleich.”

“Wann ist gleich?”

“Jetzt! Sofort! Unbedingt!”

 

 

KW 6/22

Schon lustig, wie flexibel unsere Wahrnehmung gegenüber unseren Gewohnheiten sind. Was heute noch selbstverständlich ist, kann morgen schon völlig absurd sein. Im Februar 2020 fand ich zum Beispiel die eine (wissende) Mutter beim Kindergeburtstag, die niemandem die Hand geben wollte, recht seltsam. Und wenn mir heute jemand die Hand entgegenstreckt, erscheint mir das als völlig rücksichtslos. Das zeigt doch schön, wie fluide und konstruiert jegliche Normen sind. Noch schöner wär’s, wenn wir auch von der Normativität in Sachen Liebe, Geschlechtsidentität, Care-Arbeit und Equal Pay etwas leichter wegkommen würden. Hätten wir schon ein paar Sorgen weniger und dafür lass ich auch gern in Zukunft das Händeschütteln weg.

Wenig Sorgen mach’ ich mir über die Street Credibility meiner Kinder. Hatte letztens Kopfschmerzen und die Infantin hat mir diagnostiziert: “Ah, bist du nicht mehr ganz stabil?” Und auf meine Frage, was das bedeutet, hat sie erklärt: “Na ja, dass du einen Sturm im Kopf hast, und das ist nicht sehr cool.” Sie weiß Bescheid, mehr kann ich ihr auch nicht beibringen.

 

 

KW 5/22

Eltern sein heißt, loslassen können. Die eigenen Vorstellungen, Wünsche und Bedürfnisse zum Beispiel. Aber manchmal auch den Nähebedarf der eigenen Kinder. Als ich letztens die semi-adoleszente Tochter gefragt hab’, ob sie zum Einschlafen noch was braucht, vielleicht ein bisschen kuscheln oder so, hat sie gemeint: “Weißt du, jeder Mensch hat einen bestimmten Akku an Kuschelzeit. Und mein Akku ist letzt leer.” Oho! Ihre anschmiegsame Zeit ist also aufgebraucht. Hart für mich, aber natürlich in Ordnung, soll so sein. Dass sie dann allerdings die halbe Nacht durch die Wohnung schleicht, und uns um den Verstand und unseren eigenen Schlaf bringt, war allerdings nicht Teil der Abmachung. Irgendwann ist sie dann doch noch zu uns ins Bett gekrochen. Vielleicht war ihr Akku doch nicht leer, vielleicht musste sie ihn aufladen. Solang ich selbst halbwegs zum Schlafen komm’, ist mir das alles recht. Spätestens wenn die/der erste Freund:in mitkommt, hoffe ich, dass die Kinder in ihren eigenen Betten liegen.

 

 

KW 4/22

Die Omikron-Schlinge zieht sich enger. Aus Kindergruppe, Schule und Bekanntenkreis kommen täglich positive Rückmeldungen. Was aktuell nicht so für Freude sorgt. Unweigerlich fühlen wir uns an das berühmte gallische Dorf erinnert. Nur dass die feindlichen Lager nicht Babaorum und Aquarium heißen, sondern Omikron und Delta. Aber genug der kriegerischen Vergleiche. Auch die Gallier haben ja im Prinzip in freundschaftlicher Eintracht mit ihren Besatzern gelebt. Stellt sich nur die Frage, welches Familienmitglied welchem dörflichen Comic-Charakter entspricht. Wer Idefix ist, ist klar, aber ich etwa …STOPP! Bevor mir hier jemand den Troubardix zuschiebt, brechen wir das ab. Beim Belenus!

Apropos Familienmitglied, im Internet hab’ ich gesehen, wie Haustiere ihren Besitzer:innen in Punkto Mental Health unter die Arme greifen. Sich streicheln lassen zum Beispiel. Unsere Katze hat diesbezüglich keinerlei Ambitionen. Eher züchtigt sie mich, wenn ich nicht mit ihr spiele. Ich glaube, sie sieht mich irgendwie als ihresgleichen an. Nur in der Rangordnung deutlich darunter. Miau, immerhin noch eine kleine Spur besser als Idefix!

 

 

KW 3/22

Alle Isolationen krankheitsfrei überstanden, und ein Rest geistiger Gesundheit ist uns – allen Widerständen zum Trotz – auch noch geblieben. Das ist ja schon einmal was. Was in Zeiten wie diesen nicht hoch genug gehalten werden kann, ist die familieninterne Kommunikation. Deshalb hat die Infantin zum Geburtstag endlich WalkieTalkies bekommen. Jetzt sitz ich um Schlafzimmer und sie im Kinderzimmer und funken. “Roger, Roger, kannst du mich hören?” – “Klar und deutlich! Was machst du gerade?”– “Ich spreche mit dir!” – “Ah, gut! Bis später.”
Stundenlang geht das so. Und falls die Frequenzen einmal durcheinander kommen, bleibt ja immer noch die gute alte terrestrische Übertragung, sprich durch die Wohnung schreien: “Papa, ich hab’ Hunger!” Ok! Auch die Grand Dame lässt sich hin und wieder zur Auseinandersetzung mit ihren Vorfahren herab. Auf die Frage, auf was sie denn stolz ist in ihrem Leben, hat sie nonchalant geantwortet: “Ich muss mich eigentlich nur für zwei Dinge schämen: Meine Eltern!” Thank you! Aber alles gut. Die einzige Frage, die sich diese peinlichen Eltern allabendlich stellen ist hingegen: “Wie kann es sein, dass ich jetzt schon soooooo müde bin?!”

 

 

KW 2/22

Ha, da denkst du, schön langsam hast du’s wieder unter Kontrolle und das Leben ist in etwa da, wo du’s haben möchtest und – zack – ruft die Schule an und teilt mit, dass die gesamte Klasse deiner Tochter in Quarantäne ist. Innerhalb zweier Wochen, zweimal Kontaktperson. Kannst du nicht erfinden. Okay, es war absehbar, aber muss das gleich in der ersten Schulwoche sein? Jetzt hoffen wir wiedermal, dass alles negativ bleibt. Positiv denken, negativ bleiben. Laut Vorzeichenregel ergibt Plus plus Minus minus. Das wär in dem Fall eh positiv. Bin schon ganz verwirrt. Verwirrend war auch die Kommunikation mit dem netten slowenischen Mechaniker, der unseren Brummi wieder geflickt hat. Englisch war nicht seine Stärke, wir haben uns aber gut verstanden und ich hatte eine schöne Reise nach Maribor und retour. Leider hab’ ich meinen Pass daheim vergessen. Der Grenzbeamte bei der Wiedereinreise war ganz verzweifelt: “Haben Sie zumindest den Impfpass dabei?” Hatte ich, und  er hat mich weiter gewunken. Schön, wenn Gesundheit vor Staatenzugehörigkeit geht. Vielleicht sind die Vorzeichen dieses Jahres ja doch noch gute Sterne.

 

 

KW 1/22

Was für ein Start ins neue Jahr! Da lädst du einmal in zwei Jahren mehr als 3 Personen ein (es waren 4, alle geimpft und getestet) und dann ereilt dich am übernächsten Tag die frohe Nachricht, dass du K1 bist. Damn you, Virus! Also haben wir unsere Neujahrszelte in Italien abgebaut und uns auf den Heimweg gemacht. Blöd nur, dass das Auto auf halbweg beschlossen hat, es ist genug gefahren. Da stehst du dann im Vollregen in der slowenischen Pampa, alle sind hungrig und nass und eigentlich solltest du ja auch zu niemandem Kontakt haben (K1). Die Kinder haben’s cool genommen und auch die Kellnerin des hiesigen Parkplatz-Etablissements hat sich gefreut. Wahrscheinlich war noch nie jemand so lang im “Café Atmosphere 2000” wie wir. Unser heißgeliebter Brummi wurde dann vom “Autovleka” abgeholt, es war so traurig. Schlussendlich wurden wir gerettet, konnten mit 24h Verspätung sicher unsere Bärenhöhle erreichen und auch die Katze konnte rechtzeitig vor dem Hungertod gefüttert werden. 2022 hat uns schon ordentlich getestet, wir haben bestanden, und auch alle anderen Tests bislang negativ. In dem Fall gut so.

 

 

KW 52/21

Die Niemandswoche zwischen Weihnachten und Neujahr ist die transzendentalste Zeit des Jahres. Uhren sind vollkommen obsolet und niemand weiß, welcher Tag gerade ist. Die Planungen beschränken sich auf Reste essen, schlafen und Geschenke ausprobieren, anprobieren oder montieren. Irgendwann regt sich allerdings das elterliche Gewissen und die Kinder werden zumindest stundenweise zu Aufenthalt an der frischen Luft zwangsverpflichtet. Mit fortgeschrittenem Alter regt das natürlich den Widerstand der zur Obhut Anvertrauten. Dann beginnt das Feilschen. In welchem Verhältnis kann Frischluft in längere Medienzeit gewechselt werden? Schön sind auch die verstohlenen Blicke der Eltern auf ihre Smartphones: Ist schon eine Stunde um? Können wir schon heim? Aber nie, nie, nie würden wir zugeben, dass auch wir viel lieber daheim am Sofa Kekse essen würden, als hier im Dezembernieselregen am Spielplatz zu hocken. Bleibt nur zur hoffen, dass das Kind jetzt kein Stockhaus bauen möchte…

 

 

KW 51/21

Rückblickend hat mir der vorweihnachtliche Ösi-Lockdown doch mehr zugesetzt, als vorab angenommen. Diese absolute Reduktion auf Arbeiten, Kinderbetreuung und Haushalt zehrt schon ordentlich. Vor allem wenn’s dann nach dem “Tagewerk” schon um 16:30 finster und kalt ist. So ohne Austausch, ohne Kaffeehaus und (fast) ohne jegliche Ablenkungen finde ich es dann ungleich schwieriger, die physischen und mentalen Ressourcen wieder aufzufüllen. Geht’s da jemanden ähnlich? Aber jetzt kommt ja das Lichterfest der Liebe, im engen Kreise der Familie, da lernen wir wahrscheinlich schnell wieder Abstand und Distanz zu schätzen. Es braucht eben für alles das richtige Maß. Etwas unangemessen fand wohl auch die mir unbekannte Dame, die nur eine Schallplatte abholen wollte, dass ich ihr gleich über eine Stunde lang meine Schwierigkeiten bei der Strukturierung meines Arbeitstages erläutert habe. Sorry for that, Isolation olé! Happy Holidays euch jedenfalls!

 

 

KW 50/21

Diese Woche war geprägt von Krankenbetreuungslogistik. Diesmal allerdings wegen Impfreaktionen meiner Mitbewohnerinnen. Die Jüngste hatte eigentlich nichts, hat sicher aber solidarisch mit den tatsächlich Kranken gezeigt und ist wegen “einem komischen Gefühl” liebe zuhause geblieben. Sicher ist sicher. Sogar die Katze (die wurde nicht geimpft) hat vehement besondere Fürsorge eingefordert. Okay, vielleicht spinnt sie einfach, sie ist auch nur ein Mensch. Als klassische Lockdownerin findet sie es eher verstörend, wenn wir einmal NICHT daheim sind. Aber grundsätzlich, empfinde nur ich das ständige Jonglieren mit wer wann welches Kind betreut, wer wann arbeiten darf und wo dazwischen noch Zeit für eine/n selbst oder für das Elternpaar allein bleibt, als anstrengend? Oder geht’s eh allen so? Wahrscheinlich! Jedenfalls konnte ich mich im Ansehen meiner Kinder wieder steigern, als uns so ein dreijähriger Spielplatzrowdy drohend ein “Popo Gacka” entgegen geschleudert hat und ich ihn mit einem schlagfertigen “Popo Gacka Lulu” entwaffnet habe. Er war völlig perplex und meine Eigenen haben sich zerkugelt. Wochenhighlight!

 

 

KW 49/21
Gleich zu Beginn der Woche durfte ich genießen, was “aktive Teilhabe” in elternverwaltenden Kindergruppen tatsächlich bedeutet: Fallen die Betreuer:innen aus, bist du das pädagogische Personal. War aber ehrlicherweise ganz nett, auch einmal wirklich den GANZEN TAG mit der Jüngeren zu verbringen. Also auch an ihrem Arbeitsplatz und mit ihren Kolleg:innen. (Ok, mit manchen Eltern möchtest du nicht tauschen, aber wer will das grundsätzlich?) Montag war also ganz im Zeichen des Kindes. Gut so. Dienstag dann kurz davon erholen und versuchen das versäumte Arbeitspensum aufzuholen. Mittwoch war zuerst die Erwachsene krank, Donnerstag dann ich (kein Corona, das haben wir schon erledigt). Freitag große Freude wegen konstanter Kinderbetreuung und Zeit für uns. Um 09:30 hat die Schule angerufen, dass die Ältere krank ist und abzuholen wäre. Hoffe nun, die im Lockdown verlorenen Kräfte dann im Vorweihnachtsstress auftanken zu können. Sonst aber eh alles gut.

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